BMW M2 – Korken-Zieher

by • 19. April 2016 • MobilitätComments (0)953

WYSIWYG - Was man beim M2 sieht, ist genau das, was man bekommt

WYSIWYG – Was man beim M2 sieht, ist genau das, was man bekommt

Die haben es bei BMW tatsächlich gemacht: Sechs Zylinder und kein Downsizing. Obendrauf noch einen Turbo. Und innen drin 370 muntere Pferde, die mit einem Overboost ganz heftig zur Sache gehen. Der BMW M2 ist los. Und er ist kaum mit einer gewöhnlichen Kandare einzubremsen.

Unser Dorfmetzger war ein Narr. Waffennarr. Und Autonarr. Beim Ballern liebte er Kleinkaliber. Beim Gummibrennen setzte er auf einen orangeroten BMW 2002 tii. Damals waren 131 PS noch eine Wucht. Was bei einer knappen Tonne Lebengewicht auch durchaus der Fall sein kann. Bin selbst drin gesessen, neben dem Metzger, der die Strecken wie ein Instruktor kommentierte: leichte rechts, vierter Gang, voll. Manchmal stand der Mageninhalt dabei kurz vor dem Zäpfchen. Das eigentliche Highlight der 02-Serie war der turbo 2002, auf dessen Frontspoiler gut leserlich turbo stand. In Spiegelschrift, damit die Vorausfahrenden freiwillig die Straße räumten. Eklat! Kriegserklärung. Und ähnlich böse Dinge gaukelten durch die Presse. Vor allem der ADAC spielte die Karte des Oberlehrers aus. Ölkrise und hoher Verbrauch taten ihr Übriges. Und heute sind die 02er immer noch für 28 bis 45.000 Euro als Gebrauchte zu haben.

BMW M2 Coupe_013

Eklat! Kriegserklärung!

Was sich über die Jahre daraus entwickelt hat, strebt mit dem M2 einem neuen Gipfel entgegen. Er braucht keinen Schriftzug auf dem Spoiler. Seine Nüstern sprechen eine deutliche Sprache. Auch der mittige „Mund“ mit der nach unten hängenden Lippe zeigt an, dass der Sportler, wenn massiv gefordert, schwer und viel Luft braucht. Hinzu gesellen sich Backen, die in jedem Rückspiegel nervöse Zuckungen auslösen. Der will nicht spielen. Obwohl, das kann der M2 auch. Mit leichtem Fuß auf, sagen wir mal, Viertelgas gefahren, spielt der 1.500 Kilo Kerl gerne und gut den harmlosen Allerweltswagen. Natürlich sieht man seine Bi-, Tri- und sonstige Cepse. Aber es gibt ja Beller, die nicht beißen. Ob als Handschalter mit knapp 1.200 U/min im sechsten Gang oder im Doppelkuppler über Paddel bis in die höchste der acht Stufen vorgewippt, es grummelt völlig aggressionsfrei. So wie sich halt ein Reihensechser anhören muss. Fahrwerk, Federung und Spritverbrauch sind in diesem Modus nicht wirklich gefordert. Von den 370 sind gefühlt gerade mal so viele Pferde am Start wie beim 2002 tii insgesamt angetreten waren.

BMW M2 Coupe_014

„Dieses Auto braucht keine Erklärung“

Szenenwechsel: Laguna Seca Rennstrecke. Die mit dem Korkenzieher. Bisschen einfahren mit der Sicherheit, dass weder ein Sheriff mit seinem Big-Block im Rückspiegel auftaucht, noch Gegenverkehr auftauchen kann. Die Drehorgel macht einen höllischen Spaß schon bei der Warmlaufphase. Denn im gleichen Zug wie der rechte Fuß den Teppichboden sucht, dreht der turbogeladenen Sechser samtig hoch, klickt dabei die Fahrstufen durch als wäre überhaupt keine Abstufung zwischen zwei Gängen. Nach diversen präzise durchsägten Kurven kommt via Funk die Anweisung, das Gerät jetzt erst einmal gerade anzustellen. Und den Speed raus zu nehmen. Dann hart nach links einlenken. Hier nehmen selbst die Profis der Moto GP ihr Gas massiv zurück, bremsen von circa 240 auf 75 km/h zusammen. Um sich, wie der M2 jetzt auch, nach links ins Nichts fallen zu lassen. Das Herz wird hosig, die Lunge schnappt Luft, die Hände werden feucht, dann stürzt der M2 nach unten und muss sogleich auf die Rechts gerichtet und die danach folgende Links eingestellt werden. Wer diese Kurve mit Mut angeht, dem wird danach ein High zuteil. Ein Adrenalin-High wie es schöner kaum geht. Auch mehrere Runden hintereinander bringen keine Gewöhnung vor der Corkscrew. Jedes Mal muss man sich zusammen reißen und die Angst überwinden, wenn man die nicht einsehbare Links-Rechts-Kombination in Angriff nimmt. Und der M2 hat keine Angst vorm Fliegen? Nicht die Bohne. Das Powerhorse ist einfach so exzellent ausgelegt und abgestimmt, dass es entweder ein ESP-Off und eines schlechten Piloten bedarf oder sinnlosen Übermut erfordert, um den Pausbäckigen aus der Ruhe zu bringen,

WYSIWYG - Was man beim M2 sieht, ist genau das, was man bekommt

Mit einem Begriff aus den 90ern setzt M-GmbH Chef Francicus van Meel den M2 in Szene: WYSIWIG. Das stimmt 100 Prozent. Was man beim M2 sieht, ist genau das, was man bekommt. Ein gut austarierter Sportler, bei dem Kofferraumvolumen oder verstellbare Rückenlehne in der zweiten Reihe so wenig eine Rolle spielen wie der Schalter für Waschprogramme. Männer waschen alles auf 60 Grad. „Dieses Auto braucht keine Erklärung,“ ist sich van Meel denn auch sicher. Wie der 2002 turbo vor 40 Jahren ist auch der M2 von 2016 „ein echtes Statement, um neue und junge Kunden zu gewinnen.“ Und wenn er im April auf der Rampe steht, mit super agilen Ambitionen, breiten Pneus, einer Ausstrahlung die nicht nach maximaler Power, sondern nach maximaler Fahrbarkeit dürstet, läuft Speichel im Mund zusammen. Beste Sitze, viel Alcantara, ein geiles Lenkrad und Carbon im Innenraum, nie könnte die Erwartung an den Klang größer sein. Und der ist, sagen wir mal, besonders ausgeprägt und prägt sich noch weiter, wenn die Drosselklappen aufflippen. Das sollte einem dann aber auch schon schlanke 56.700 Euro wert sein. Und im besten Fall genau 7.58 Minuten. So schnell haben ihn die Ingenieure und Testfahrer über die Nordschleife geprügelt.

 

Der Metzger aus meinem Heimatdorf lebt schon längst nicht mehr. Ich bin aber sicher, dass er sich vor Freude im Grab umdreht, wenn die Nachricht vom M2 zu ihm durchdringt.

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