Hände weg vom Steuer: Mercedes neue E-Klasse fährt teilautonom

by • 8. März 2016 • featured, MobilitätComments (0)1760

Keine Limousine wie jede andere: Die neue E-Klasse beherrscht das teilautonome Fahren

Keine Limousine wie jede andere: Die neue E-Klasse beherrscht das teilautonome Fahren

Philosophieren wir nicht lange über Design, Fertigungsqualität oder Motoren. Das Killerfeature der neuen E-Klasse ist aufpreispflichtig, hört auf den Namen Drive Pilot und erlaubt das teilautonome Fahren bis hin zu 210 km/h. Wir haben unser Schicksal in die Hände des Computers gelegt, zumindest teilweise.

Ein neues Auto zum ersten Mal fahren zu können, ist in der Regel eher weniger aufregend, denn meist sind die Fortschritte oder Unterschiede zum Vorgänger oder Modellen vom Wettbewerb eher charakterlicher Natur, zumindest aber keine Quantensprünge. Das ist bei der E-Klasse anders, denn sie bietet mit einem Assistenzpaket namens „Drive Pilot“ die Option, über längere Strecken autonom zu fahren. Das Ganze funktioniert bis zu 210 km/h, sofern es vorausfahrende Fahrzeuge gibt und bis 130 km/h ist das System in der Lage, sich nur an Fahrbahnmarkierungen zu orientieren. Nach unten gibt es geschwindigkeitstechnisch keine Begrenzung, bis hin zum typischen Stop & Go Verkehr in der Stadt oder eben einem Stau auf der Autobahn kann die E-Klasse nicht nur Geschwindigkeit regeln und den Abstand wahren, sondern auch selbsttätig stoppen und wieder anfahren, vorausgesetzt, die Pause wird nicht zu lang.

Im autonomen Betrieb zeigt das Display im Armaturenbrett an, ob Fahrbahnmarkierungen bzw. vorausfahrender Verkehr zur Orientierung ausreichen

Im autonomen Betrieb zeigt das Display im Armaturenbrett an, ob Fahrbahnmarkierungen bzw. vorausfahrender Verkehr zur Orientierung ausreichen

Funktioniert das?

So weit die Theorie, den Beweis musste Drive Pilot gestern und heute rund um Lissabon antreten, wo ein ausgewogener Mix aus Stadtverkehr, Landstraßen, Autobahnen und kleinen Ortsdurchfahrten auf uns wartetet. Ein kleines Lenkradsymbol im Display kündet durch Farbwechsel von Grau auf Grün davon, dass sich Drive Pilot jetzt durch zweimaliges Ziehen am Tempomatenhebel nun nutzen lässt. Eine relativ freie Landstraße ist das erste Testareal. Im 13 Zoll großen Display hinter dem Lenkrad erscheint mittig die Grafik, die mit grünen Balken davon kündet, dass Fahrbahnmarkierungen erkannt wurden und wir die Lenkarbeit an den Computer delegieren können. Die E-Klasse pendelt sanft ein wenig nach rechts und links, bevor sie sich relativ zielsicher auf die Mitte der Fahrbahn einschießt und uns sicher voranbringt. Das ist ein bisschen „spooky“, schließlich vertraut man in diesem Moment einem Computer, relativiert sich jedoch, wenn man sich ins Bewusstsein ruft, dass wir das seit Ende der 70er Jahre tun, als die ersten ABS-Systeme eingeführt wurden. Nun sind wir eben auf einem neuen Level der elektronischen Eingriffe angekommen.

„Drive Pilot in der neuen E-Klasse ist einer der ersten Schritte in die autonome Zukunft des Autofahrens“

Der E spult Kilometer um Kilometer ab. Nicht jedes Stück autonom, bei weitem nicht, Aber so oft das grüne Lenkrad im Display dazu animiert, darf die Hightech-Limousine selbst den Kurs bestimmen. Auf der Autobahn klappt das hervorragend, die gut erkennbaren Fahrspuren erlauben es selbst bei leerer Bahn, die Hände in den Schoß zu legen. Je nach Strecke, ob kurvig oder gerade, fordert ein Symbol im Head-up-Display in größeren Zeitabständen dazu auf, sich kurz bemerkbar zu machen. Entweder durch Umfassen des Lenkrades oder auch, indem man die Steuerelemente darin kurz berührt. Dann geht es mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, bis entweder eine Ausfahrt genommen werden muss oder bis die Situation zu komplex wird. Das kann bei engen Kurvenradien der Fall sein, dann sagt die Elektronik irgendwann Bescheid, dass sie aus der Verantwortung genommen werden möchte. Leistet der Fahrer diesem Befehl nicht Folge, ertönen begleitende, akustische Signale. Ignoriert man auch diese, dann reduziert Drive Pilot langsam die Geschwindigkeit, aktiviert den Warnblinker und bringt das Fahrzeug zum Stillstand. Eine gesunde Alternative zum unkontrollierten Crash in die Leitplanke.

Hinter dem Kühlergrill verbirgt sich viel Sensorik zur Erfassung des Verkehrs

Hinter dem Kühlergrill verbirgt sich viel Sensorik zur Erfassung des Verkehrs

Auf Landstraßen ist das System ebenfalls sehr oft verfügbar, die kurvigen Strecken rund um Lissabon sind hingegen ein schwieriges Pflaster für den Computer, denn enge Kurven verlangen nach viel Lenkeinschlag. Das ist das erste Hindernis für die Elektronik, denn diese greift nur bis zu einem gewissen Wert, um keine zu hektischen Manöver zu fahren. Das andere Hindernis ist die nonchalante Beschilderung der Straßen, denn laut Gesetz sind dort meist 90 km/h erlaubt, auch wenn man gar nicht so schnell um die Kurven kommen würde. Mercedes’ Drive Pilot möchte aber – um kein Verkehrshindernis zu sein – die vorgegebene Höchstgeschwindigkeit fahren, was schnell im Straßenrand enden würde. Hier muss die Vernunft siegen, der elektronische Chauffeur sollte hier aus bleiben.

„Nur wo gut auswertbare Informationen über Straße und Verkehr vorliegen, kann die Elektronik richtig regeln“

So ein System hat seine Grenzen, darüber muss man sich im Klaren sein. Nur wo gut auswertbare Informationen über Straße und Verkehr vorliegen, kann die Elektronik richtig regeln. Sind die Randmarkierungen abgefahren oder schwer zu erkennen, dann versagt auch die Stereokamera, die diese wichtigen Informationen auswerten muss. Dann bleibt als Orientierung nur noch der Vordermann. Fehlt auch der, steigt „Drive Pilot“ aus, einfach, weil er es muss. Doch die Nutzer der neuen Technik sind experimentierfreudig, das mussten auch andere Anbieter erkennen. Da wurde dem Lenkrad mit einer angebundenen Getränkeflasche eine Hand vorgegaukelt, während der eigentliche Fahrer auf die Rückbank kletterte und dort Videos drehte. Schön, wenn solche Experimente gutgehen, aber absolut verantwortungslos. Man darf die Kontrolle ruhig abgeben, doch man sollte jederzeit in der Lage sein, einzugreifen, wenn es brenzlig wird.

Arbeitsplatz mit gewohnter Ordnung: Im COckpit dominieren die beiden 13 Zoll Displays, die hinter einer Glasplatte zu einem riesigen Panoramabildschirm verschmelzen

Arbeitsplatz mit gewohnter Ordnung: Im COckpit dominieren die beiden 13 Zoll Displays, die hinter einer Glasplatte zu einem riesigen Panoramabildschirm verschmelzen

Noch muss das System mit den bekannten Navigationsdaten arbeiten, auch wenn diese schon ein paar Informationen mehr parat haben, als üblich. Den nächsten Schritt machen dann deutlich detailliertere Karten, die Infos zu Straßenbreite und Beschaffenheit enthalten, wissen, auf welcher Fahrspur man sich befindet und Kreuzungen zentimetergenau kennen und später einmal mit aktuellen Informationen via Web abgeglichen werden. Die Basis dafür ist in der E-Klasse schon gelegt, denn sie beherrscht Car-to-X-Kommunikation, das bedeutet, sie kann via Cloud mit Informationen versorgt werden. Meldet ein vorausfahrendes Fahrzeug schlechtes Wetter, einen Unfall oder andere Vorkommnisse, so können dies in wenigen Augenblicken in die Kalkulation mit einbeziehen werden, der Fahrer kann so rechtzeitig gewarnt werden. Ja, im Moment sind das dann erst mal nur E-Klassen, sie so kommunizieren, doch eine schnelle Verbreitung ist angesichts der immer kommunikativer werdenden Bordelektronik machbar und wünschenswert. Nun könnte man sagen, wir warten, bis die Karten eben detaillierter sind, doch das wäre dann ein Henne-Ei-Problem. Insofern ist es richtig, schon mit dem aktuell verfügbaren Material zu arbeiten und eben die Funktionen anzubieten, die sich damit realisieren lassen, denn diese können sich sicherlich sehen und – viel wichtiger – fahren lassen. Es soll übrigens einen schnellen Transfer in andere Baureihen gaben, so viel war am Rande der Veranstaltung zu erfahren. Da kommt Freude auf, denn die grundsolide Oberklasselimousine dürfte nicht jedermanns Geschmack sein und vor allem nicht in jedes Budget passen. Da locken die kleineren Baureihen, bei denen sicherlich so mancher auf die letzten Extra-PS verzichten wird und stattdessen zu „Drive Pilot“ greift, denn Komfort und somit gewonnenen Zeit sind der ultimative Luxus.

MultiBeam heißen die optionalen LED-Scheinwerfer mit 84 Einzelelementen in drei Reihen. Mit dieser Technik lässt sich die Fahrbahn gezielt ausleuchten

MultiBeam heißen die optionalen LED-Scheinwerfer mit 84 Einzelelementen in drei Reihen. Mit dieser Technik lässt sich die Fahrbahn gezielt ausleuchten

Ach so, bevor wir es vergessen, die neue E-Klasse ist auch in anderer Hinsicht die technologische Speerspitze des Konzerns. Da wäre beispielswiese das brillante Licht der Multibeam LED-Scheinwerfer. Diese erzeugen mit 84 in drei Reihen angeordneten Leuchtdioden ein perfekt steuerbares Abblend- und Fernlicht, das in der Verbindung mit der Stereokamera entgegenkommenden Verkehr aus dem Lichtstrahl ausblenden kann, sodass die anderen Verkehrsteilnehmer nicht geblendet werden. Je nach Fahrsituation, beispielsweise in der Stadt oder an Kreisverkehren, kann auch eine extrem breite Ausleuchtung erfolgen und bei Autobahnfahrten wird gezielt der Bereich der Gegenfahrbahn weniger angestrahlt und man genießt trotzdem volles Fernlicht mit einer Reichweite von mehr als 400 Metern. Am anderen Ende des Fahrzeugs schimmern Rückleuchten in einer neuen Reflektortechnik und Mehrpegelfunktionalität. Dazu gibt es eine exzellente Smartphone Integration mit beispielsweise mit der Möglichkeit, diese kabellos in der Mittelkonsole zu laden, sofern sie mit dem entsprechenden Equipment im Qi-Standard ausgerüstet sind. Die E-Klasse lässt sich sogar schlüssellos per NFC (Near Field Communication) öffnen, man muss nur das Smartphone in die Nähe der Tür halten, schon entriegelt diese. Profis machen das mit in der Hosentasche verstautem Telefon und vollen Händen. Soundtechnisch kann man gleich zwischen zwei der grandiosen Burmester-Systeme wählen. Auch in Sachen Motorisierung könnte man jetzt noch endlos über neue, effiziente Diesel lamentieren, wir beschränken uns darauf, den Plug-in Hybrid E 350e ins Rampenlicht zu stellen, der von lautlos gleitend bis brachial beschleunigend dem restlichen Technologiepaket der E-Klasse angemessen ist.

Gut 30 Kilometer könnte der E 350e rein elektrisch rollen, intelligenter istz aber der Hybridmodus, der den Benzinverbrauch minimiert

Gut 30 Kilometer könnte der E 350e rein elektrisch rollen, intelligenter istz aber der Hybridmodus, der den Benzinverbrauch minimiert

Fahren und Fahren lassen

Bislang mussten Autos gut fahren, wenn man sie selbst steuert, nun bricht eine neue Ära an, in der auch die stetig wachsenden autonomen Fähigkeiten in die Bewertung einfließen. Features wie Drive Pilot werden mit hoher Wahrscheinlichkeit intensiv genutzt werden. Wer sich das teilautonome Vergnügen ordert, der wird es auch bei jeder möglichen Gelegenheit nutzen wollen, einfach, weil es geht. Insofern gehört das Paket sicherlich zu den spannendsten Extras der neuen E-Klasse. Bei den klassischen Sicherheitsassistenten baut man ja eher darauf, dass deren Einsatz nicht notwendig ist und Features wie die Einparkautomatik kommen vielleicht zwei- oder dreimal am Tag zum Einsatz. Die Entlastung auf langen Strecken hingegen, wenn das Auto die Kontrolle über Längs- und Querdynamik übernimmt, dürfte, wenn sie gut funktioniert, so oft wie möglich aktiviert werden. Darum muss sie funktionieren und zwar gut und man muss sich bewusst darüber sein, wann und wo der Einsatz wirklich Sinn macht. Das nächste Kriterium wird dann sicher die Qualität des elektronischen Piloten sein. Wie vorausschauend fährt er? Wie gut erkennt er Verkehrssituationen? Wenn das eigene Auto bis kurz vors Stauende fährt, um dann kräftig zu bremsen, sorgt das für Verdruss. Die Erwartungshaltung dürfte eher sein, dass der „Autopilot“ zumindest genauso gut wie wir fährt, wenn nicht gar besser. Wir freuen uns schon auf die ersten vergleiche unterschiedlicher Lösungen, denn Konkurrenz belebt das Geschäft.

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