Volvo V60 + S60 Polestar

by • 11. Oktober 2016 • MobilitätComments (0)1888

Nicht unterschätzen! In der Polestar-Variante spurtet der Volvo S60 unter 5 Sekunden auf 100 km/h

Nicht unterschätzen! In der Polestar-Variante spurtet der Volvo S60 unter 5 Sekunden auf 100 km/h

Volvo und schnell? Nix da. Sicherheit, Komfort und noch mal Sicherheit sind die gebetsmühlenartig vorgetragenen und umgesetzten Features der Schweden. Doch mit dem V60 und S60 Polestar wagt sich Volvo in die Offensive, wie AMG, die quattro oder M Gmbh. Oder etwa doch nicht?

Unschuldig und harmlos stehen sie da. In weiß, schwarz, silber und Polestar-Blau. Wer die S und V60 im Gruppenbild sieht, der glaubt nicht, dass es Power-Riegel von Volvo sein sollen. Gut, sie stehen auf 20-Zoll-Rädern und dicken Socken (245/35 ZR20 von Michelin), auch sind ein paar Accessories angebaut. Aber im Rückspiegel sehen sie eher wie Alltags-Volvos aus. Harm- und kraftlos. Bei genauerem Hinsehen wird eine kleine quadratische Plakette im Kühlergrill erkennbar. Keine designerische Höchstleistung. Aber der eindeutige Hinweis, dass dieses Tool von der Volvo-Kaderschmiede Polestar kommt. Und somit schon fast giftig ist.

Ob praktisch als Kombi oder maximal getarnt als Stufenheck, das Label Polestar garantiert Spaß

Ob praktisch als Kombi oder maximal getarnt als Stufenheck, das Label Polestar garantiert Spaß

Polestar – 20 Jahre und kein bisschen leise

Polestar hieß ehedem Flash Engineering, ist aber zum Zeitpunkt der Präsentation genau 20 Jahre Haus- und Hoflieferant der Schweden. Und seit 2015 zu 100 Prozent im Besitz von Volvo. Auch wenn es für alle Volvo-Modelle seit 2009 die Polestar-Software für sportlichere Fortbewegung gibt, kommen die beiden bösen Buben erst jetzt zum Zug. Mit entsprechendem Understatement.

Es sind die Details, die den V60/S60 Polestar auszeichnen - und natürlich die Leistung

Es sind die Details, die den V60/S60 Polestar auszeichnen – und natürlich die Leistung

Kein Leistungs-Extremismus mit riesigen Flügeln, wie sie Polestar in der WTTC anwenden musste, sondern diskreter Charme mit kleinen und großen blauen Plaketten, blauen Ziernähten, ein wenig Sichtkarbon, aber auch viel Hartplastik. Und als Kontrast Alcantara. Was Polestar aber aus dem inzwischen serienzwingenden Vierzylinder heraus holt, ist ganz ordentlich: 367 PS und 470 Newtonmeter. Erst bei 6.000 U/min ist die ganze Pferdemeute angetreten und bei 250 km/h – in einem VOLVO! – ist Schluss mit lustig.

Das Schaltpaddle, eine der Zutaten auf dem Weg zum Sport plus Modus

Das Schaltpaddle, eine der Zutaten auf dem Weg zum Sport plus Modus

Tschüss Herr Oberstudienrat

Enter und Start mit der üblichen Taste. Recht grummelig und nachdrücklich meldet sich der Motor. Dann kann es mal losgehen. Von D aus gibt es noch eine Seitengasse, die „Schalten“ kann, aber für den normalen Vortrieb ist das Achtgang-DSG so zackig, dass es obsolet scheint. Ultimativ, und erst spät noch ins Programm genommen, gibt es Sport+, da muss man mit dem Stock klicken, mit einem Paddel ziehen undsoweiter. Und so etwas wie Launch Control gibt es auch, aber fast nur hinter vorgehaltener Hand erwähnt. Volvo will möglichst nicht krawallig oder gar prollig rüber kommen, sondern sicher, komfortabel und rein. Schließlich soll die Entwicklung (weitweit + 10,3 und in Deutschland + 9,1 Prozent) so weiter gehen und „performance made by Sweden“ so eine Art Add-on für ambitioniete Volvoisten werden. Niels Möller, CEO Polestar dazu: „Polestar kommt von der Rennstrecke auf die Straße. Ein Volvo für jede Gelegenheit.“

Kurven liebt der S60 Polestar - Autobahn kann er aber auch, sogar sehr gut

Kurven liebt der S60 Polestar – Autobahn kann er aber auch, sogar sehr gut

Also auf in Richtung Großglockner, wo sich der V60 beweisen soll. Kann er das? Ein Kombi im knackig-blauen Sportdress auf einem Pass bis 2.500 Meter Höhe? Die wirklich bösen Buben sind natürlich mit dem Motorrad da, kratzen mit ihren Streetfightern die Gummis an den Fußrasten ab. Und geben ordentlich Tempo vor. Mit Sport+ und den Paddeln als Orchestrierung für den Turbo- und Kompressor-getriebenen kein Problem. Höchstens umgekehrt. Immer wieder schauen die Piloten in die kleinen Rückspiegel und wundern sich, dass sie den Kombi nicht abgehängt kriegen. Das liegt auch mit daran, dass Polestar den 60ern schon etwas mehr Technik hat angedeihen lassen, als man es von außen sieht. Öhlins, Brembo, Vierradantrieb von BorgWarner und vieles mehr an Spezereien, die zwei Seiten der Ausstattungsliste einnehmen. Trotz all der Jahre Erfahrung im Motorsport konnten die Ingenieure eines nicht: ein Leichtgewicht bauen. Zwar haben die Polestar-Buben etwa 20 Kilo abgespeckt, aber 1.751 Kilo sind eine Marke, die sich in den Kurven schon ordentlich bemerkbar macht. Da hilft die präzise Lenkung, die etwas mehr Feedback geben könnte. Genauso gut sind die Sitze für die Art der Fortbewegung – immerhin nur 4.7 s von 0 – 100 km/h – bestens ausgeformt und haltefest. Kleiner Gimmick für ambitionierte Treiber. Wenn die Elektronik die Anfahrt einer Kurve realisiert, sorgt ein „Curve-Hold“ dafür, dass der Gang drin bleibt, um am Scheitelpunkt ordentlich aus dem Pudding zu kommen. Dann brüllt es auch ordentlich aus dem offenen Auspuff, der mit zwei 3,5 Zoll großen Endrohren die Verfolger grüßt.

Vortrieb statt Touchscreen

Es gibt tatsächlich auch noch eine Eco-Taste, die PC vortäuscht und bei vielen Fahrten wohl eher in der Versenkung bleibt. Aber sie ist da und funktioniert. Wie Volvo allgemein darauf hinweist, das es kein Rennwagen für die Straße ist, sondern ein Volvo, der im Sinne von Volvo Sicherheit auf der Rennstrecke von Profis abgestimmt wurde.

Volvos klassisches Interieur - nicht auf dem Level der 90er Serie, aber dennoch unmissverständlich

Volvos klassisches Interieur – nicht auf dem Level der 90er Serie, aber dennoch unmissverständlich

Stimmt echt. Es gibt kaum Momente, wo die 60er die Contenance verlieren. Sie gehen unglaublich schnell und auch sehr lange schnell. Und weil der Allradantrieb sehr hecklastig ausgelegt ist, kann er auch mit dem Po wedeln, ein bisschen. Ansonsten Understatement pur. Nie würde ein S4, M3 oder AMG-Pilot auf den Gedanken kommen, dass hinter ihm ein potenter Spielpartner anreist. Das wird sich ändern, wenn die dezente blaue Plakette im Kühlergrill sich herumgesprochen hat. Alle anderen geraten eventuell an einen der Volvos, die ein Software-Update erhalten haben. Das sind weltweit auch schon 100.000 Stück. Da hilft dann nur Pedal to the Metal.

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