iBeacons – wo bin ich?

by • 14. Juni 2014 • KommunikationComments (0)1681

iBeacons sollen den Einkauf revolutionieren, haben aber noch viel mehr Potenzial

iBeacons sollen den Einkauf revolutionieren, haben aber noch viel mehr Potenzial

2002: „Minority Report“ mit Tom Cruise. Er betritt einen „GAP“, wird von einem Werbebildschirm erkannt und gleich mit Fragen überschüttet. Die Macher des Films wähnten diese Szene im Jahr 2054. 2014 ist diese Vision längst Realität. Mit Schuld daran könnten iBeacons sein. Wagen wir eine detaillierte Betrachtung der Technik und der Möglichkeiten.

iBeacon wurde erstmals anlässlich der Apple Entwicklerkonferenz WWDC im Juni vergangenen Jahres präsentiert. Wieder so ein proprietäres Apple Ding? Jein, denn technisch benötigt iBeacon nur Hardware, die Bluetooth LE (Low Energy) beherrscht und das sieht auch Google für Android als unverzichtbares Feature an. Beacon bedeutet übersetzt so viel wie Leuchtfeuer und genau das verbirgt sich hinter der Funktechnologie. Mit ausgesprochen wenig Energie versorgen iBeacon-Sender einen Radius von bis zu 50 Metern mit regelmäßigen Signalen, die ein Smartphone – vorausgesetzt, die entsprechende App ist installiert und horcht auf diese Infos – auswerten kann.

Je näher, desto Beacon

Je näher, desto Beacon

Dabei kann iBeacon auch noch zwischen verschiedenen Radien unterscheiden und auswerten, ob sich das Smartphone und damit auch der Besitzer in unmittelbarer Nähe (bis 50cm), in der Nähe (bis 2 Meter) oder im weiteren Einzugsbereich (bis 30 Meter) befindet. Entsprechend können die Apps unterschiedliche Meldungen ausgeben. Über Triangulation, also die Auswertung von Signalen verschiedener Sender, kann so sogar eine Standortbestimmung vorgenommen werden, wohlgemerkt reden wir hier von Innenräumen, also beispielsweise Büros oder Einkaufszentren, aber auch Flughäfen oder Bahnhöfen. Diese Fähigkeit ist auch die Grundlage dafür, dass Apple diese Entwicklung als Navigation für geschlossene Räume bezeichnet hat. In der Realität benutzen die Kalifornier das System allerdings bereits zur Lokalisierung von Kunden in ihren eigenen Stores.

iBeacons knnen dafür sorgen, dass das Café mit Angeboten lockt

iBeacons knnen dafür sorgen, dass das Café mit Angeboten lockt

Gläserner Kunde? Wer es möchte

Das klingt jetzt erst mal wieder nach einem Horrorszenario, das Thema Datenschutz ist ja zurzeit zu Recht in aller Munde. Andererseits geben wir ja schon freiwillig jede Menge von uns preis, seien es Check-ins bei Foursquare oder schlicht die Angabe des Standortes bei einem Post auf Facebook. Jeder kann selbst konfigurieren, ob und inwieweit er nachverfolgbar sein möchte. Schlendern wir demnächst durch eine Mall, dann kann es sein, dass auf dem Gang eine Nachricht im Display auftaucht, die von Sonderangeboten im Geschäft kündet, an dem wir gerade vorbeigehen, drinnen werden wir zielstrebig zum entsprechenden regal gelotst und dort noch mit einem Gutschein geködert. Zu guter Letzt könnte man dann einfach noch an der Kasse via iBeacon bezahlen und hätte das perfekte Bluetooth-LE-Rundum-Sorglos-Erlebnis.

Bezahlen per PayPal? Kein Problem

Bezahlen per PayPal? Kein Problem

Diese Option gefällt natürlich Anbietern wie PayPal. Das zu eBay gehörende Bezahlsystem hat deshalb bereits seinen Ansatz namens PayPal Beacon vorgestellt, der sich mit zahlreichen aktuellen Bezahlsystemen verbinden lassen soll. In seinen Promotion-Videos zeigt PayPal, wie man sich die Zukunft des Einkaufens vorstellt:’ Unbelastet von Geldbörse oder Kreditkarte soll man einfach „en passant“ auf Angebote hingewiesen, in den Laden gelockt und letztendlich per Smartphone abkassiert werden.

 

„Mit der Anonymität ist es ohnehin nicht weit her,

wenn man Bluetooth aktiviert lässt“

Klingt das erfolgversprechend? Für uns schon, denn große Ketten wie Apple, Starbucks oder diverse Modelabels dürften keinerlei Probleme mit dem Investment in eigene iBeacons haben. Gerade für kleinere und unabhängige Läden ist es aber verlockend, sich ins Fahrwasser eines großen Anbieters zu begeben. Denn oftmals hat man gar keine eigene App beziehungsweise die Zahl der Installationen ist so gering, dass die Chance, einen eigenen Kunden zu erwischen, einfach zu klein wird. Da wäre ein PayPal iBeacon ein probates Mittel. Es könnte aber auch sein, dass ganz andere Anbieter auf den Zug aufspringen. iBeacons von Facebook? Das würde automatisches Einchecken erlauben, die App springt dann direkt auf die Facebook-Seite des Anbieters und lockt mit Aktionsangeboten. Wo Geschäfte heute noch mit Webadressen oder QR-Codes am Schaufenster um digitale Aufmerksamkeit buhlen, könnten iBeacons das völlig automatisieren – Like mich, aber sofort!

 

Man kann durchaus behaupten, dass iBeacon stationären Ladengeschäften die gleichen Möglichkeiten eröffnet, die bislang nur Online-Händler hatten. Empfehlungen, was andere Kunden gekauft oder betrachtet haben oder aber eine dezidierte Einkaufshistorie sind da erst der Anfang. Die zur Jeans passende Bluse, die Tasche der bevorzugten Marke, all das haben wir demnächst nicht mehr nur im Online-Shop, sondern eventuell auch im real existierenden Kaufhaus. Man muss allerdings nicht damit rechnen, das ständig brummende Smartphone irgendwann entnervt in die Tonne zu schmeißen, die Nachrichten via Bluetooth LE verschwinden genau so dezent wieder vom Bildschirm, wie sie auftauchen, wenn man das entsprechende Einzugsgebiet des Beacons verlassen hat. Am Ende des Bummels durchs Einkaufszentrum hat man demzufolge nicht etwa 100 ungelesene Mitteilungen, nur ein paar Apps auf dem Smartphone haben Daten gesammelt, dass man dort war und offensichtlich nicht in Kauflaune. Wer also – ohne jetzt den Geschlechterkampf anzuheizen – sein Smartphone ohnehin ständig in der Tasche verkramt und nicht einmal Anrufe mitbekommt, braucht nicht zu befürchten, durch die neue Technik in weitere Kaufräusche gedrängt zu werden, dazu müsste man schon stets ein waches Auge aufs Display haben.

 

Unbegrenzte Möglichkeiten

Doch iBeacon hat viel mehr Potenzial als nur unsere Kaufwilligkeit zu erhöhen. Stellen Sie sich einen entsprechenden Sender in ihrem Auto vor, der bei Annäherung automatisch das Licht einschaltet und das Smartphone automatisch in einen Automobilmodus versetzt, wenn man drinnen sitzt, gar nicht so unangenehm, oder? Ein iBeacon zu Hause kann Automatismen bei der Haussteuerung triggern: Licht, Musik, Heizung oder schlicht die Nachricht an die Eltern, dass der Nachwuchs zu Hause ist. Ist das Tablet in der Nähe eine Dockingstation oder eines Wandhalters? Dann könnte automatisch die passende App in den Vordergrund geschoben werden. iBeacon in Kombination mit Sensorik für die Gesundheit? Ein perfektes Team für Sportler oder als elektronische Unterstützung bei der Betreuung älterer Menschen. Vier oder fünf in der Wohnung verteilte Sensoren überprüfen, ob die tägliche Routine beibehalten wird oder ob vielleicht ein Notfall vorliegen könnte. Heizungs-Apps, die heute noch per GPS checken, ob jemand zu Hause ist (tado beispielsweise) könnten das demnächst viel präziser per Bluetooth LE tun und nur wenn man das Haus verlässt, das „Geofencing“ via Satellit aktivieren.

Wer nun anfangen möchte zu entwicklen, für den gibt es entsprechende Sets

Wer nun anfangen möchte zu entwicklen, für den gibt es entsprechende Sets

Eine App zur Eingangskontrolle könnte bei Konzerten oder Sportveranstaltungen den Zugang erleichtern und besondere Leistungen anbieten. In den USA hat die MLB (Major League Baseball) iBeacon zur bevorzugten Technik erkoren und will nach und nach die Stadien entsprechend ausstatten. Das Musikfestival „Coachella“, das kürzlich in Kalifornien stattfand, setzte in seiner App ebenfalls auf die Bluetooth-Technik, um Zusatzinfos zu verbreiten. Der niederländische Freizeitpark Tulpenland nutzt seit Beginn der Saison Ende März iBeacons, um Besuchern, die die hauseigene App geladen haben, noch mehr Infos zu den Exponaten zu geben. Umgesetzt wurde diese Lösung zusammen mit dem ebenfalls niederländischen Startup Labwerk. Überhaupt sind Museen und Ausstellungen ein ideales Betätigungsfeld für die neue Technik. Statt der gewohnten Audioguides können die Besucher ihre eigenen Smartphones nutzen, das natürlich in der jeweils gewünschten Sprache. Wer Böses denkt, mag gleich an hinterlegte Links zum Museumsshop glauben, aber warum sollte man das auch ausschließen. „Dieses Bild als Poster im Museumshop kaufen“ ist doch ein interessantes Angebot, sobald man den Shop erreicht, könnte das Verkaufspersonal via iBeacon ja informiert werden und die ausgewählten Produkte bereithalten. Wohlgemerkt: Alles kann, nichts muss.

 

Live-Abstimmungen bei Konferenzen oder anderen Events sind auch nur einige, wenige Klicks entfernt, denn nur, wer in Reichweite der iBeacons ist, kann daran teilnehmen. Gratis-Lesestoff, wenn man sich in einem Café oder einer Lounge aufhält? Kein Problem, alles ohne aufwändiges Login oder Passwörter, die man sich merken müsste. In den USA denkt man an weitere sinnvollere Nutzungen: Behere will Lehrer und Schüler vernetzen. Die Lehrer wissen, welche Schüler alle anwesend sind, diese können im Gegenzug per App die Hilfe des Lehrers anfordern. Ein bisschen zu techy in unseren Augen, aber Experimentieren soll ja erlaubt sein.

 

Eine bedeutende Rolle könnte der Technik beispielsweise am Flughafen zukommen. Vom semiautomatischen Check-in über die Navigation zum richtigen Gate samt Informationen zur dafür benötigten Zeit bis hin zu Benachrichtigungen über den Status des Gepäcks ist da alles realisierbar. Im Gegenzug wüssten Airlines zwar nicht exakt, wo die sehnlichst erwarteten Passagiere sich gerade aufhalten, aber zumindest könnte man sicher sein, dass sie im richtigen Terminal sind, mit einer lückenlosen Abdeckung lassen sich im ganzen Flughafen personalisierte Meldungen versenden: „Herr M., sie werden jetzt dringend zum Gate gebeten“. Ansonsten kann der Passagier online verfolgen, wie sein Gepäck wieder ausgeladen wird. Nicht umsonst haben kürzlich Airlines wie Virgin Atlantic oder Emirates deutliches Interesse am Standard bekundet. Letztere spielen mit dem Gedanken, nicht nur im Flughafen überall die digitalen Peilstäbe zu installieren, sondern auch jedes Gepäckstück damit auszustatten. Damit wäre der Passagier in gewissen Grenzen selbst in der Lage, seinen Koffer zu orten, vor allem aber hat auch die Airline Gewissheit über den Verbleib.

 

Wo bleibt der Datenschutz?

Schöne neue Welt? In Grenzen sicherlich, wer nicht gerade völlig abgestumpft ist, wird über kurz oder lang sicherlich nur noch Angebote von Geschäften oder Dienstleistern haben wollen, die er selbst bevorzugt oder die entsprechend interessant scheinen. An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass andernorts in Geschäften die Kunden ohnehin schon via Bluetooth und Kamera „getrackt“ werden, um herauszufinden, welche Wege sie gehen und wo man am besten Waren platziert. Mit der Anonymität ist es also ohnehin nicht weit her, wenn man Bluetooth aktiviert lässt und da das schon für die Handsfree-Funktion im Auto notwendig ist, schaltet kaum ein Nutzer diese Funktion ständig ein und aus. Bei iBeacon hat man zumindest die Wahl, ob man das Feature nutzt und ist man die ständige Belästigung mit Starbuck-Coupons leid, kann man ja einfach die zugehörige App löschen. Entsprechende Apps müssen übrigens nicht im Hintergrund laufen, es reicht, wenn sie aktiviert sind. Empfängt das iPhone die Signale der iBeacons, wird gecheckt, ob die passende App installiert ist und diese dann gestartet. Daten empfangen können die iBeacons nicht, insofern obliegt es ganz dem Nutzer, ob er einerseits Bluetooth aktiviert oder andererseits eben entsprechende Apps installiert. Sicherlich wird es mittelfristig noch weitere Kontrollmöglichkeiten geben, denn man möchte vielleicht Facebook oder Paypal als App nutzen, aber nicht überall „dumm angequatscht“ werden. Also werden entsprechende Einstellungen für jede App oder Betriebssystemweit bald zum Pflichtprogramm gehören.

 

Kostenfaktor? Kompakt!

Ein Bluetooth-Modul, eine Batterie ein bisschen fest codierte Intelligenz, das kann nicht so teuer sein, oder ? Ist es auch nicht, auch wenn man angesichts überschaubarer Stückzahlen noch nicht von einem Massenmarkt sprechen kann und das Preisgefüge somit noch vergleichsweise hoch ist. Estimote beispielsweise, einer der ersten von Apple zertifizierten Hersteller von iBeacons verkauft seine Entwickler-Sets mit drei der Sender für knapp 100 Dollar. Die pfiffig gestylten Bausteine gehören zum ansehnlichsten, was wir zur Bebilderung unserer Story auftreiben konnten. Eine Tatsache, der man sich bei Estimote bewusst zu sein scheint, nicht umsonst hat die Firma Arbeit in die Erstellung von Lifestyle-Motiven gesteckt. Alle anderen Hersteller zeigen kleine, schwarze Kistchen, die technologisch sicher auch genügen, aber eben in keinster Weise fotogen sind. Langfristig kann man von deutlich niedrigeren Preisen ausgehen, sodass es zumindest kein finanzielles Hindernis geben dürfte, ganze Kaufhäuse oder Einkaufszentren mit iBeacons zu pflastern.

NFC is dead?

Gab es da nicht noch einen Wettbewerber namens NFC? Stimmt, die „Near Field Communication“ will mit speziellen Chips ähnliches erreichen, allerdings geht es hier nicht ohne „Berührung“, das Device muss in unmittelbarer Nähe des NFC-Spielpartners sein Das ist eine Nachteil gegenüber iBeacon, andererseits auch ein Vorteil, denn ohne selbst veranlasste Annäherung werden keine Daten ausgetauscht. Das Thema Indoor-Navigation ist mit NFC natürlich nicht realisierbar und auch App-Reaktionen bei Annäherung können so nicht umgesetzt werden. Zum Ausgleich funktioniert NFC auch ohne eigene Stromversorgung und ist nochmals deutlich günstiger zu realisieren .Die Summe der Einschränkungen dürfte Apple dazu bewogen haben, NFC bislang nicht zu implementieren, ein Schritt der gerade das Thema Zugangskontrolle bislang in die Warteschleife verlegt hat. Mit iBeacon ließen sich – entsprechende Sicherheitsmechanismen vorausgesetzt – beide Szenarien perfekt miteinander vereinen, nicht zuletzt dank des in das iPhone 5S integrierten Fingerabdrucksensors.

 

Ausblicke

Ist iBeacon Zukunftsmusik? Keineswegs, denn die notwendige Technik steckt hardwareseitig bereits in allen iPhones seit dem Modell 4S sowie den iPads ab der 3. Generation, allen iPad mini sowie dem letzten iPod touch. Das alleine bedeutet schon eine Basis von mehr als 200 Millionen Geräten weltweit. Darüber hinaus findet sich Bluetooth LE in Samsungs Galaxys ab dem S3 und in populären Geräten wie HTC One und diversen Google Nexus. Allerdings unterstützt Android iBeacon nicht ab Werk, man muss entsprechende Programme aufspielen. Insofern kann man zwar noch von einem proprietären Standard seitens Apple sprechen, in der Praxis dürfte das aber keine allzu große Rolle spielen, denn die hardwaremäßigen Voraussetzungen sind systemunabhängig bereits vorhanden.

 

Aber auch Beacons gibt es schon in nennenswerten Zahlen rund um den Globus. Eine entsprechende Karte findet sich auf der Seite von wikibeacon.org, Ende April waren ca. 13.000 Stellen bekannt, an denen bereits entsprechende Sender aufgespürt wurden. Die Zukunft hat also längst begonnen.

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