Ist Jibo der erste Familienroboter?

by • 31. Juli 2014 • Elektronik, LebensartComments (0)1619

Hallo Jibo

Hallo Jibo

Ist es jetzt soweit? Werden mutige Zukunftsprognosen oder düstere Visionen wahr? Bekommen wir endlich unsere persönlichen Roboter? Bedarf besteht offensichtlich, denn der schwarmfinanzierte Jibo hat seine Finanzierungsrunde in nullkommanichts absolviert, aktuell stehen statt der erwünschten 100.000 Dollar mehr als 1,3 Millionen auf der Uhr.

Hat jemand „Robot und Frank“ gesehen? Ein bezaubernder Film, in der nicht allzu fernen Zukunft platziert, in dem Hauptdarsteller Robin Williams von seinen Kindern einen Haushaltsroboter an die Seite gestellt bekommt. Erst zögernd freundet er sich mit dem technischen Mitbewohner an um diesen dann später sogar zu diversen Gaunereien zu überreden.

Niedlich, oder? Noch einer, der morgens beim Frühstück eine Meinung hat

Niedlich, oder? Noch einer, der morgens beim Frühstück eine Meinung hat

Und jetzt sind Sie dran. Jibo, so heißt der schwarmfinanzierte Shooting-Star der vergangenen Wochen. Ein lustiger Geselle, knapp 30 Zentimeter hoch und keine drei Kilo schwer. Jibo räumt nicht auf, er spült nicht und kann auch nicht Rasen mähen, er ist einfach da und kommuniziert. Über Mikrofone und Sensoren erkennt er, was um ihn herum geschieht, eine Gesichtserkennung hilft ihm, Familienmitglieder zu unterscheiden und ansonsten bestehen seine Aufgaben – wenn man dem Werbevideo glaubt – vor allem darin, Kindern Geschichten zu erzählen, Familienfotos zu machen oder an Termine zu erinnern. Erwachsene sollen damit ihren Alltag leichter managen, Kinder müssen sich nicht mehr selbst beschäftigen, geschweige denn, dass die Erwachsenen mit dieser Aufgabe belastete werden. Teens wird noch eine weitere Kommunikationsform mit Freunden geboten und auch Senioren scheint Jibo in erster Linie als Kunststoff gewordener Skype-Ersatz zu dienen. Klingt das verlockend? Anscheinend, denn in den vier Wochen von Mitte Juli bis Mitte August wollte Entwicklerin Cynthia Breazeal gerade mal 100.000 Dollar einsammeln, schon nach zwei Tagen war aber die halbe Million voll, grob geschätzt waren das also bereits 1.000 Bestellungen des drolligen Kerlchens.

Jibo looking at things

Jibo looking at things

In den sozialen Medien sorgte Jibo ebenfalls für heftigen Aufruhr, der Knuddelfaktor des Roboters führte zu endlosen „Will ich“ und „Muss ich haben“ Kommentaren. Muss ich? Ehrlich? Jibo kann sich mit ein paar Motoren um ein paar Achsen drehen, so eine Art digitaler Hulahoop, er kann offensichtlich Fragen beantworten, Geschichten erzählen und vielleicht meine Mails vorlesen, aber will ich das? Wie weit sind wir gekommen, dass wir Hurra schreien, wenn uns ein binärer Bespaßer für Kinder und Großeltern angeboten wird? Ein bidirektionales Tamagotchi, das den ganzen Tag Augen und Ohren offen hält, damit wir unseren Alltag mit ihm strukturieren. Klar, die Verschwörungstheoretiker werden mutmaßen, dass die Geheimdienste angesichts solcher Produkte die Korken knallen lassen. Verschenken wir doch gleich die ersten Exemplare an Obama, Merkel und Putin – die Reihenfolge sei hier egal.

 

 

 

 

Cynthia Breazeal

Doch die Frau hinter dem Projekt ist keine Unbekannte. Cynthia Breazeal, Jahrgang 1967, hat eine Professur am renommierten MIT Media Lab und leitet dort die Personal Robots Group. Sie hat das Buch „Designing Sociable Robots“ geschrieben und sich gerade in der jüngeren Vergangenheit damit auseinandergesetzt, wie man persönliche Roboter einsetzen kann, um Menschen dabei zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Bereits Ende der 90er schuf sie mit dem Roboter Kismet eine Studie, die zeigte, wie weit man Mimik in die Interaktion zwischen Mensch und Maschine einbinden konnte. Das Kismet nicht gerade eine Schönheit war könnte entscheidend zum Lernprozess beigetragen haben, denn Jibo ist mehr die androgyne Variante eines Roboters. Die Frau weiß, wovon sie spricht und deshalb ist auch zu vermuten, dass Jibo nicht einfach ein weiteres Spielzeug sein wird.

Cynthia Breazeal, Jahrgang 1967, hat eine Professur am renommierten MIT Media Lab

Cynthia Breazeal, Jahrgang 1967, hat eine Professur am renommierten MIT Media Lab

Spannendes Projekt

Bei aller Nörgelei, Jibo ist in Sachen Robotik das derzeit spannendste Projekt. Wobei „derzeit“ angesichts der Geschwindigkeit solcher Entwicklungen ein entscheidendes Wort ist. Wahrscheinlich lassen bereits Armeen von asiatischen Ingenieuren ihre 3D-Drucker heiß laufen um uns einen Billig-Jibo schon Weihnachten 2014 unter den Tannenbaum zu legen, denn die Käuferakzeptanz für solch ein Produkt ist ja ganz offensichtlich gegeben. Viel spannender ist aber das, was sich Interessenten als Anwendungsszenarien vorstellen, denn diese erlauben tiefe Einblicke in unser Verhältnis zur Robotik und damit gewissermaßen in unser digitales Selbstwertgefühl. Wie weit wollen wir Technik in unser Privatleben lassen und noch spannender – wie weit möchten wir diese anderen Menschen aufzwingen. Ein Tischroboter statt eines Gesprächs? Nehmen wir Jibo demnächst mit zum Essen beim Italiener und lassen uns von ihm die Yelp-Bewertungen vorlesen? Darf er aufs Armaturenbrett und uns etwas über die Umgebung erzählen? Wird er all das überhaupt können oder ist er doch mehr Selbstzweck? Es bleibt spannend. Was genau uns erwartet, darüber werden aller Voraussicht nach etliche Updates erzählen, gewiss ist jedoch, dass die Vorfreude lange halten muss, denn erst Ende 2015 soll Jibo dann an die vertrauensvollen Vorbesteller ausgeliefert werden. So viel Lieferzeit haben sonst nur exklusive Sportwagen, aber die sind meist nichts für die ganze Familie.

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